Hundekot - Kälbertod?

Neospora caninum     Hundekot ist Kälbertod?

 

Quelle: Dr. med. vet. Henrik Hofmann

 

Landwirte machen Hunde als Überträger des Parasiten Neospora caninum

und damit als Verursacher von Fehl- und Todgeburten bei Rindern verantwortlich.

 

Neue Forschungsergebnisse entlasten nun Stadt- und Familienhunde.

Dr. med. vet. Henrik Hofmann mit den veterinärmedizinischen Hintergründen:

Der einzellige Parasit Neospora caninum hat in einigen Ländern große Bedeutung als Verursacher von Fehlgeburten beim Rind erlangt. Bei seiner Vermehrung und Ausbreitung spielt der Hund als Endwirt eine wichtige Rolle.

Bauernverbände haben dies immer wieder zum Anlass genommen, Kampagnen unter dem Motto „Hundekot macht krank“ zum Schutz des Rindes zu starten.

 

Aktuelle Untersuchungen stellten jetzt klar, dass von Stadthunden nur geringe Gefahren ausgehen.

Den Kampagnen folgend stellten tatsächlich zahlreiche Landwirte auf ihren Weiden Hinweisschilder für Spaziergänger auf, die auf das Problem aufmerksam machen sollten. Das Thema polarisierte die Öffentlichkeit. Es folgten vor allem in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Auseinandersetzungen, die laut Zeitungs-Meldungen sogar zu Handgreiflichkeiten und Beschimpfungen bis hin zur Drohung,

freilaufende Hunde zu vergiften, führten.

 

Der Infektionsweg des Parasiten zeigt jedoch, dass es weniger die Spaziergänger als vielmehr die Landwirte selbst sind, die sich „an die Nase fassen“ sollten.

 

Erst spät entdeckt:

Die Neosporose wurde beim Hund erstmals im Jahre 1973 beschrieben und später als Neosporose caninum genannt.

Ein definitiver Beweis dafür, dass Hunde Endwirt der Parasiten sein können, wurde allerdings erst Ende der 1990er Jahre erbracht. Grund dieser späten Entdeckung war, dass die Symptomatik und auch das Aussehen der Erreger selbst der Toxoplasmose sehr ähnlich und somit schwer zu unterscheiden sind. Darüber hinaus verlaufen Infektionen bei Hunden, aber auch bei Rindern, Ziegen, Mäusen und Ratten, die ebenfalls Wirte sein können, meist ohne sichtbare Anzeichen.

 

In Rinderbeständen tritt die Erkrankung sowohl sporadisch als auch epidemisch auf und ist mittlerweile die weltweit am häufigsten diagnostizierte Ursache für abortierte Fette im Alter von drei bis neun Monaten.

Das Trächtigkeitsintervall, in dem sich die Verkalbungen ereignen, reicht etwa  vom 110. bis 260. Tag nach der Besamung und zählt somit zu sogenannten Spätaborten.

 

Regionale Häufung

Untersuchungen aus den 1990er Jahren zeigen, dass regionale Häufungen vorkommen.

So wurden bei Tests in Belgien bei 11 Prozent und in Liverpool gar bei 16 Prozent der untersuchten Hunde Infektionen gefunden.

 

Einem Bericht des Schweizer Veterinärmediziners Prof. Dr. Peter Suter zufolge verlaufen Infektionen bei Hunden jedoch meist symptomlos, die tatsächliche Häufigkeit ist daher schwer einzuschätzen. In 11 586 Kotproben, die von März 2001 bis Februar 2004 in zwei veterinärmedizinischen Laboren untersucht wurden, konnten nur fünfmal infektiöse Stadien von Neospora nachgewiesen werden.

 

Anderen Schätzungen zufolge liegt das Vorkommen des Erregers in der deutschen Hundepopulation bei höchstens vier Prozent – was zumindest aber für eine flächendeckende Durchseuchung spricht.

 

Anders bei Rindern. Berichte aus Ländern rund um den Globus belegen Infektionsraten In den Beständen, die zwischen 11 und 30 Prozent liegen. Als „signifikanter Risikofaktor“ zur Vermehrung wurden erhöhte Lufttemperaturen, wie sie in unseren Breitengraden im Juni herrschen, ermittelt. Das liegt daran, dass die Eier des Parasiten zunächst sporulieren müssen, bevor sie für einen Zwischenwirt wie das Rind gefährlich werden können.

 

Diese Temperaturabhängigkeit belegt nach Angaben führender Wissenschaftler, warum in südlichen Ländern, aber auch Landkreisen im Süden Deutschlands, mehr Infektionen auftreten, als in kälteren Regionen.

 

Mögliche Infektionswege:

Häufigster Übertragungsweg ist die persistierende (dauerhafte), vom Muttertier zu Fetus vertikal übertragende Infektion Der horizontalen Infektion vom Rind zu Rind kommt dagegen nach Ansicht des niederländischen Tierarztes Juan Munoz Bielsa nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Zwar existieren vereinzelte Untersuchungen und Berichte über plötzlich auftretende, gehäufte Aborte (in der englischen Fachsprache: „abortion storm“).

 

„Diese stellen aber insgesamt ein eher seltenes Ereignis dar“, so Bielsa.

Die vertikale Infektion führt sowohl zu Aborten als auch zur Geburt persistent infizierte Kälber.

Vereinzelt kommen auch Kälber mit neuromuskulären Störungen zur Welt. Diese resultieren aus dem durch die Tachyzoiten, einem Entwicklungsstadium des Parasiten, hervorgerufenen Entzündungsreaktionen des zentralen Nervensystems. Indem der Parasit beim Zwischenwirt Rind einen Abort verursacht, gelangt er zurück in die Umwelt und damit wieder in Kontakt mit seinem Endwirt, dem Hund.

Dieser steckt sich wieder an, indem er die infizierten Feten oder Nachgeburtsteile frisst.

 

Mit dem Kot der Hunde gelangt der Erreger schließlich erneut ins Futter der Rinder, und der Infektionskreislauf beginnt von neuem.

 

 

Symptome beim Hund:

Da die Neosporose eine neuromuskuläre Erkrankung ist, tritt zunächst ein- oder beidseitige Versteifung der Hintergliedmaßen infolge einer Muskelentzündung, speziell des Quadrizeps, auf. Es folgen Atasien (Koordinationsstörungen) und Lähmungen.

Später können die Tachyzoiten jede Art von quergestreifter Muskulatur befallen.

Befunde wie Herzmuskelentzündung, Megaösophagus, aber auch Entzündungen im Gehirn sowie Lähmungen des Kiefers sind möglich.

Von Geburt an infizierte, junge Hunde zeigen eine schwere Symptomatik – zum Teil mit plötzlichen Todesfällen. Ältere Hunde zeigen öfter Zeichen einer über den ganzen Körper verstreuten Infektion mehrerer Gelenke, verschiedener Muskeln, die möglicherweise sogar Organe betrifft.

 

Achtung!

Landwirte sollten verhindern, dass ihre Hofhunde keine

Nachgeburten und/oder Fehlgeburten fressen.

 

Die Folgen für Feten:

Beim Rind kann eine Infektion des Fetus zum Abort „frischer“ oder

mumifizierter“ Föten, zur Geburt lebensschwacher Kälber, aber auch

- wie in den häufigsten Fällen – zur Geburt klinisch gesunder, jedoch subklinisch, also zunächst unauffällig, identifizierter Kälber führen.

 

Doppelinfektionen mit dem BVD-Virus (bovine Virusdiarrhö) sind ebenfalls beschrieben. Infizierte Feten können intra abortem frisch sein, sind meistens aber mumifiziert oder im Stadium der Autolyse (Selbstverdauung). Insgesamt muss betont werden, dass die Mehrzahl der über die Plazenta mit Neospora caninum infizierten Kälber überlebt und auch nach der Geburt klinisch unauffällig bleibt.

 

Nachweis zweifelhaft

Bei abortierten Feten fehlen charakteristische , mit bloßem Auge erkennbare Veränderungen. Eine rein serologische Blutuntersuchung sagt über die Abortursache wenig aus. Haben in einem Zeitraum von sechs Wochen mehr als 15 Prozent der zwischen dem 100. und 260. Tagträchtigen Rinder verkalbt, reicht es zunächst aus, die Rinder zu untersuchen, die sich in dieser Phase der Trächtigkeit befinden. Auf die Untersuchung nicht tragender Tiere kann verzichtet werden“, raten in einem ausführlichen Bericht PD Dr. Franz Conraths und Dr. Gereon Schare vom Institut für Epidemiologie des

Bundesforschungsinstitutes für Tiergesundheit (Friedrich-Löffler-Institut) in Wustershausen.

 

Zum Erregernachweis sind PCR (ein DNA Test) und histologische Untersuchungen fetaler Organe (Gehirn, Herz, Leber, gegebenenfalls Plazenta) in Kombination.

 

Doch auch bei Hunden ist die Diagnostik eine Gradwanderung.

Ist der Hund etwa seropositiv, bedeutet dies bestenfalls, dass er irgendwann einmal Kontakt zum Erreger hatte. Im Kot ist die Kokzidienart dagegen vorübergehend zu finden, da sie nur in bestimmten Phasen ihres Vermehrungszyklus ausgeschieden wird.

 

Ob er zum Zeitpunkt der Untersuchung noch immer befallen und vor allem, ob er „Ausscheider“ war oder ist, lässt sich laut eines für den Verband das

Deutsche Hundewesen e.V. (VDH) angefertigten Gutachtens der führenden Parasitologen tiermedizinischer und natur-wissenschaftlicher Fakultäten Prof. Dr. H. Mehlhorn, Prof. Dr. A.O. Heydorn und Prof. Dr. E. Schein daraus nicht ableiten.

 

In ihrem Gutachten kommen sie zu dem Schluss, dass „die wissenschaftlich gesicherten Ergebnisse bei nüchterner Bewertung zeigen, dass kein Anlass zur Panik gegeben ist, und dass erst recht kein Grund für eine Verteufelung von Hunden und insbesondere derer Spaziergänger besteht“.

 

Viele Abortursachen

Die Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe hat allein 17 Gründe für Rinderaborte aufgelistet, die auf Infektionen zurückzuführen sind. Weitere existieren sicher auf Grund von Umweltfaktoren, genetischen Zuchtfaktoren oder Stoffwechselerkrankungen. Einer davon kann Neospora caninum sein.

Vielfach unternahmen Forscher den Versuch, die Erkrankung durch gezielte

Infektionen künstlich auszulösen. Sie wollten dadurch die Möglichkeit haben,

sie im Zusammenhang mit Fehlgeburten genauer untersuchen zu können.

Zum Ausbruch kam die Krankheit dabei aber erst nach zusätzlich künstlicher Schwächung des Immunsystems durch Kortisongaben.

 

Für die Wissenschaftler war das Grund genug zu dem Schluss zu kommen,

dass der Parasit nicht allein der Grund für Fehlgeburten sein muss – auch

wenn er sich zum Zeitpunkt des Geschehens im Genialtrakt der Kuh befindet.

 

So konnten bei totgeborenen Kälbern verschiedene Viren, Parasiten, und andere, zum Teil auch umweltbedingte Ursachen wie Stress und Hygienemängel, als Verursacher ausfindig gemacht werden. Eine nachträgliche Besiedelung mit Neospora caninum entlarvte diesen gewissermaßen als „Trittbrettfahrer“.

 

Dies wird auch dadurch belegt, dass beispielsweise in Australien bei Herden

mit einer Durchseuchung von 20 Prozent zum Teil überhaupt keine Aborte auftraten.

 

Vorsichtsmaßnahmen

„Die Bekämpfung von Neospora caninum basierte bislang vorwiegend auf der

Identifizierung infizierter Tiere und deren Zuchtausschluss bzw. Schlachtung“, erklärt Bielsa.

 

Einem aktuellen Bericht von Schares zufolge ließen sich bei Untersuchungen in Rheinland-Pfalz eindeutig Beziehungen zwischen der Anzahl von im Betrieb gehaltenen Hofhunden und in auf dem Hof entnommenen Tankmilchproben und damit positiven Kühen nachweisen.

 

Besonders wichtig sind daher Maßnahmen, welche die Verunreinigung von Futtermitteln mit den Ausscheidungen von Hunden vermindern.

 

Da die Hunde in den Infektionszyklus von Neospora caninum mit einbezogen sind, sollten sie keinen Zugang zum Futtertisch der Wiederkäuer haben und vor allem keine Möglichkeit erhalten, rohes, unbehandeltes Fleisch und Abortmaterial oder Nachgeburten zu fressen.

 

Dies gilt auch für Kühe.

 

Um die Aufnahme von Nachgeburten zu verhindern, ist es von Seiten der Landwirte wichtig, dass die Secundianae (Nachgeburten) umgehend hygienisch entsorgt werden. Zudem ist nicht auszuschließen, dass Mäuse und Ratten als Zwischen - oder Transportwirte dienen können. Daher ist es genauso wichtig, auch Nager von Rinderfutter fernzuhalten und im Rinderbestand zu bekämpfen.

 

„Nicht verantwortlich“

In ihrem Gutachten kommen nicht nur die Parasitologen zu dem Schluss, dass die oben genannten wissenschaftlichen Erkenntnisse Haushunde als Abortverursacher entlasten. Auch die Bundestierärztekammer und das Friedrich-Löffler-Institut weisen im Rahmen einer offiziellen Stellungnahme vom 29.März 2005 darauf hin, dass auf der Grundlage neuer Forschungsergebnisse der normale Stadt- und Familienhund in der Regel nicht für Rinderaborte durch den Erreger Neospora caninum verantwortlich zu machen ist.

 

„Hundekot auf landwirtschaftlichen Flächen ist zwar generell unhygienisch und deshalb zu vermeiden“, heißt es in der Stellungnahme.

Allerdings sei der Kot des eigenen Hofhundes als Infektionsquelle für Rinder erheblich riskanter, als die Hinterlassenschaften eines spazierengeführten Stadthundes.

 

„Hunde die ausschließlich mit kommerziellem Fertigfutter ernährt werden, stellen kaum ein Risiko dar. Je weniger sie sich selbst infizieren können, umso weniger kommen sie auch als Infektionsquelle für Rinder in Frage“. Generell sei die vertikale Übertragung „von der Kuh auf das ungeborene Kalb, zahlenmäßig und wirtschaftlich als wesentlich bedeutender anzunehmen, als eine Infektion durch die Aufnahme von infektiösen Stadien aus Hundekot“.

 

Der moderne Haushund wird wohl in den seltensten Fällen Gelegenheit haben, eine Nachgeburt zu fressen. Anders sieht es da bei Hofhunden aus.

Tritt die Neosporoseals Bestandsproblem auf, sollten die Viehhalter also erst einmal  „vor der eigenen Türe kehren“.

 

Weitere Informationen

Bundestierärztekammer

Oxfordstr. 10

53111 Bonn

Tel.: 0228-72546-0 / -70

Fax: 0228-7254666

www.bundestierärztekammer.de

 

Friedrich-Löffler-Institut

Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit

Seestr. 55

16868 Wustershausen

Dr. Gereon Schares

Tel.: 033979-80-0 / -193

Fax: 033979-80222

www.fli.bund.de