Stellungnahme von Günther Bloch zur Hundeverordnung in NRW

Günther Bloch im Jahre 2000

 

 

Stellungnahme zur Hundeverordnung in NRW

Günther Bloch im Jahre 2000

 

Gerade aus der multikulturellen Gesellschaft Kanadas von Verhaltensbeobachtungen an freilebenden Wölfen zurück

(Qualifikation: Leiter des Beobachtungsteams des ``Central Rocky Mountains-Wolf–Projekt unter der Leitung des Biologen Dr. Paul Paquet/Universität Calgary), scheint es in Deutschland nur noch ein Thema zu geben: Kampfhunde, Kampfhunde, Kampfhunde. Ein Thema das nicht erst seit gestern auf der Tagesordnung steht. Nein, vernünftige Vorschläge zur Eindämmung des Gefahrenpotenzials aggressiv/auffälliger Hunde, gab es nachweislich bereits seit Jahren. Seit Ende der 1980er Jahre wussten die Politiker der einzelnen Länder, dass zu dieser Thematik etwas passieren musste. Passiert ist allerdings nichts!

 

Geredet wurde viel, gehandelt wenig. Skrupellose Züchter, die teilweise öffentlich aggressive Hunde als ``Body-Guards´´ feilboten (und auch heute noch verkaufen), sind natürlich in erster Linie für das heutige Chaos. Förderung von aggressiven Hundeverhalten hat nämlich herzlich wenig mit der Verantwortlichkeit einzelner ``Normalhundehalter`` zu tun. Wir sprechen vielmehr primär von einem Zuchtproblem, welchem man bundesweit durch einen Qualifikationsnachweis für alle Züchter (Heimtierzuchtgesetz) entgegentreten könnte. Wenn man denn wollte. Der VDH, verantwortlich für die Betreuung sehr vieler Hunderassen, hat es Wesens- und Verhaltenstests für alle Hunderassen einzuführen.

 

Unkontrollierte ``Züchter´´ der rechtsradikalen Szene mit Pitbulls &Co. Blieben zudem weitestgehend unangetastet, an diverse Jugendgangs in bundesdeutschen Ballungsräumen mit ``Kampfhunden´´ traut man sich nicht heran, in sozial schwachen Stadtgebieten lässt man ganze Massen von ``Kampfmaschinen´´ ohne Überprüfung gewähren und im Rotlichtmilieu duldet man, obwohl nachweislich bekannt, Hundekämpfe.


Ausrede der verantwortlichen Administration: Zu wenig Personal, zu knappe Finanzbudgets. Selbstkritik der politischen Verantwortlichen: Fehlanzeige. Die                                                                                                                         tapferen Bayern verabschiedeten 1992 im Alleingang ein Kampfhundeverbot und rühmen sich seither, die ``Sache im Griff zu haben´´. Gestern am 19.07.2000, berichteten jedoch diverse Nachrichten über auffällig gewordene Rottweiler. Aber, man hat ja alles unter Kontrolle?                                                                                     

Eine Bundesweite Lösung steht noch hin den Sternen, der psychologischen Tragweite der Schnellschussverordnungen einzelner Länder ist man sich in politischen Kreisen nicht bewusst: Nein, man nimmt während der letzten Wochen sogar eine Spaltung der Gesellschaft in Kauf, dass Kleinkinder in phobieartige Verhaltensmuster gegenüber unbedarften Hunden gezwungen werden. Man nimmt in Kauf, dass Hundefreunde und Hundefeinde in clicheehafte Schubladen gesteckt werden und öffnet somit der Selbstjustiz Tür und Tor. Letztlich fördert man den zivilen Ungehorsam der Bürger, die völlig verunsichert berechtigt Wut aufstauen, weil die Hysterie der Politiker mit dem zu tiefst bedauerlichen Tod des kleinen Hamburger Jungen begann. Ausgerechnet ein bereits aktenkundig/aggressiver mit Leinen- und Maulkorbzwang bedachter Hund, dessen notwendige Konfiszierung die ordnungsamtliche Behörde verschlampt hatten gab Anlass zu völlig überzogenen Eilverordnungen, inkl. Fachlich nicht haltbarer ``Rasselisten´´ und Diskriminierung abertausender Hundehalter.

 

Vom Hundehalter wird Sachverstand und fachliche Kompetenz angemahnt. Wer als Verordnungsgeber Sachkenntnisse anbahnt, sollte diese vorab bewiesen haben. Wen aber haben die verantwortlichen Politiker im Hinblick auf ihre Eilverordnungen eingebunden? Fachkompetente Menschen können es jedenfalls nicht gewesen sein. Wie will man sonst dem einfachen Hundehalter klarmachen, dass einige in den ``Rasselisten´´ aufgeführten Hunderassen seit Jahren nachweislich umfangreiche Wesens- und Verhaltenstests zur Zuchttauglichkeit verlangen (z.B. Club für ungarische Hirtenhunde), während nicht ``gelistete Schutzhunderassen´´ trotz ihrer doch diskussionswürdigen Zuchtpapiere (Wehrtrieb ausgeprägt, Schutz und Härte ausgeprägt) wohl offensichtlich keiner Erwähnung bedurften.

 

Die Lobby des quotenbereinigt meist beißenden Hundetypus (Deutscher Schäferhund) lässt grüßen.

  

Hier soll keinesfalls der Eindruck einer Diskriminierung des Schäferhundes entstehen, denn Tausende sozial und umweltsichere Vertreter dieser Rasse sind weder aggressiv, noch haben sie ``Kampfhundqualität´´. Obwohl man den Schutzdienst im privaten Bereich kritisch hinterfragen sollte, soll hier der Sinn der ``Rasseauflistungen´´ ad absurdum geführt werden.

 

Auf der Anhangliste des Landes NRW, werden selbst Hunderassen aufgeführt, die entweder eine extrem hohe Reizschwelle haben (Bordeaux Dogge, Mastin Espanol etc.) oder in Deutschland gar nicht existent sind (Liptak, Karpatin etc). Begründung: Diese Hunderassen könnten als nächste missbraucht werden. Nein, meine Damen und Herren Politiker: Als erstes wird man nicht gelistete Hunde Schutzhunderassen missbrauchen!

 

Ein weiterer Aspekt, der offensichtlich von den Politikern berücksichtigt wurde: Die große Abzocke hat in Deutschland bereits begonnen. Wesens- und Verhaltenstests, deren Durchführung zunächst in die Hände der Tierärzte gelegt wurde, sind quantitativ a) nicht durchführbar und b) für viele Hundehalter nicht bezahlbar (man hört bereits 2stündigen Verhaltenstest für DM 500,-). Qualifikationsnachweise zur Durchführung von Wesen- und Verhaltenstests können ohnehin nur von der Tierärztekammer ausgebildete Verhaltenstherapeuten durchgeführt werden, da der einfache Tierarzt im Normalfall mit Hundeverhalten wenig vertraut ist.

 

Nun stehen Tausende von sogenannten ``Experten´´ Gewehr bei Fuß, um evtl. ein kleines Stück des zu verteilenden Kuchens abzubekommen. Da es den Beruf des Hundeerziehers als staatlich anerkannten Lehrberuf nicht gibt, wird eine pauschale Wesens- und Verhaltensüberprüfung schwierig werden. Auch die Orts/Bezirksgruppen verschiedener Verbände (SV, DVG und dem VDH angeschlossene Gruppen) bieten kein praxisbezogenes Training an und fielen in der Vergangenheit teilweise durch sehr harte ``Hundeerziehungsmethoden´´ (Gebrauch von Stachelhalsbändern und anderen Starkzwangmittel) und können somit pauschal keinesfalls als fachkompetent angesehen werden. Selbsternannte Bundesverbände für Hundeschulen oder Hundetrainer kommen und gehen und somit auch äußerst schwierig auf Fachkompetenz zu überprüfen. Wer also soll Qualifikationsnachweise für Hundehalter und ihrer Vierbeiner flächendeckend durchführen

 

Fazit: Derzeit sind Hundehalter völlig verunsichert, wie es zukünftig weitergehen soll. Übergriffe von hundefeindlichen

Menschen sind an der Tagesordnung. Einige Vorschläge zur Verbesserung der allgemeinen verkorksten Situation liegen auf dem Tisch, brauchen jedoch die nötige Zeit, um nach einer ausführlichen Diskussion die verschiedenen Elemente zusammenzuführen. Eine Koordination zwischen Tierärzten, verantwortungsbewusst handelnden Hundeerziehern, Verhaltenstherapeuten, und Hundevereinen bleibt wünschenswert.

Ob es nun wirklich um den Hund geht, wird anhand von Toleranz und koordinierten Handeln zu überprüfen sein. Eilverordnungen die nur auf bestimmte Rassen abzielen, sind schlichtweg abzulehnen, weil fachlich nicht haltbar. Für das Land NRW wäre die bereits 1994 verabschiedete Verordnung wieder aufzugreifen und gegebenenfalls zu modifizieren, da sie die individuelle Mensch-Hund-Beziehung in den Vordergrund stellte. Menschen und Hunde sind als Individuen zu betrachten und eine Verordnung sollte diesem Faktum Rechnung tragen.

 

Beispiele für eine modifizierte Verordnung: Haftpflicht Versicherungspflicht mit Bonus-/Malusregelungen bei Steuer und Versicherung, Mikrochipkennzeichnung für alle Hunde, Leinenpflicht für alle Hunde nur in Stadtzentren, Wohngebieten sowie an Schulen und Kinderspielplätzen bei gleichzeitiger Ausweisung von Freilaufzonen für Hund, strenge und kontrollierte Zuchtbedingungen (Qualifikationsnachweis), Einrichtung von Auffangstationen für herrenlose ``Kampfhunde´´, Angebote des Qualifikationserwerbs für Menschen auch vor dem Hundekauf, sowie zusätzlich noch die Einführung eine HÜV (Hundeüberwachungs-Verein), individuelle Verhaltensüberprüfung von Mensch und Hund.

 

Last but not least: Drastische Strafverschärfungen bei Zuwiderhandlungen und Verstößen gegen die neuzugestaltenden Hundeverordnungen. Sinnvoller wäre es allerdings, ein bundeseinheitliche Hundeverordnung zu schaffen, die den oben erwähnten Gedanken Rechnung trägt.

 

Sicherlich finden Sie auch in Ihrer Nähe eine Initiative für ein Volksbegehren gegen die besehenden Hundeverordnungen.

 

Die Hundeverordnung NRW im Hinblick auf die soziale Entwicklung von

Familienhunden

 

 

Einleitung:

Seit mindestens 1400 Jahren leben Mensch und Hund in enger Gemeinschaft und haben unzählige Höhen und Tiefen in der Menschheitsgeschichte durchwandert. Zuvor haben unsere Urahnen mit der Zähmung und Domestikation de Wolfes eine gewaltige Kulturleistung vollbracht

(Bloch 1998).


Im Rhein-Sieg-Kreis wurde ^9^4 ein Grab aus der jüngsten Altsteinzeit (ca. 12000 v. Chr.) entdeckt, das neben Skeletten eines Mannes und einer Frau auch das Skelett eines Hundes freilegte. Im Rheinland schauen wir also auf den ältesten Haustierfund überhaupt und somit auf die Wiege unseres Kulturgutes ``Hund´´.

 

Genau dieses Kulturgut steht durch die Hundeverordnung NRW in der ernsthaften Gefahr, zumindest teilweise ausgerottet zu werden. Ganze Rassen sollen mittelfristig aus unserer Landschaft verschwinden, weil unsere Politiker auf Grund massiver Pressepräsenz kurzsichtigen Aktionismus betreiben. Zudem wird die Sozialisierung und weitere soziale Entwicklung unserer Hunde durch die unsinnigen Bestimmungen der Hundeverordnung torpediert, zumindest jedoch äußerst erschwert.

 

Alle namhaften Kynologen unseres Landes sind der gleichen Auffassung:

Nicht Hunderassen sind pauschal als aggressiv einzustufen, sondern Mensch/Hund Beziehungen sind individuell zu bewerten.

 

Die Sozialisierung von Hundewelpen im modernen Zeitalter:

Der moderne Haushund lebt innerhalb unglaublich, verschiedener Hausstände und Umweltbedingungen. Alle Mensch/Hund Beziehungen sind deshalb von einer Notwendigkeit geprägt. Menschen müssen Haushunde so in das jeweilige Umfeld integrieren, dass ein gemeinsames Sozialleben ohne Konfrontation möglich ist (Bloch 1998). Die Wichtigkeit der Sozialisation auf Menschen

UND Artgenossen erläutern zu müssen, hieße ``Eulen nach Athen zu tragen´´.

Stellvertretend sei hier nur der bekannte Verhaltensforscher Eberhard Trumler zitiert: ``Wenn etwa ein achtwöchiger Hund, der naturgemäß auf Hund geprägt ist, von Menschen danach völlig verzogen wird und nicht mehr lernen kann, wie man mit Hunden verkehrt, wenn man älter wird, hat er anderen Hunden nichts Gutes mehr zu erwarten (Trumler 1985)

                                                                                                                        

Laut Hundeverordnung NRW müssen selbst Welpen der Amnhanglisten 1 und 2 mit Maulkorb ausgeführt werden und unterliegen zudem einen Leinenzwang. Ausnahme: Nach bestandenem Verhaltenstest bekommt der Hundebesitzer eine Ausnahmegenehmigung. Ein Test soll zwischen 500,- und 1.000,- DM kosten.

``Betuchte´´ Hundehalter kaufen sich frei, Sozialschwächere

sind verdammt. Eine Zweiklassengesellschaft wird die Folge sein. Soviel zur Fachkompetenz unserer Politiker. Es geht zwar das Gerücht um, dass Hunde unter einem halben Jahr von Maulkorb- und Leinenzwang generell befreit werden sollen, schriftlich fixiert ist bisher jedoch nichts.


Vertreter der Verhaltensforschung publizierten immer wieder, dass ``frühkindliche´´ Erfahrungen bei Hundewelpen tiefgründige und langanhaltende Effekte auf ihr Verhalten haben, die auch die Entwicklung späterer Phasen beeinflussen. Das Gehirnvolumen eines Welpen umfasst

ca. 8 cm3. Gleichzeitig sind bereits alle Gehirnzellen vorhanden. Das Gehirn wächst jedoch auf 80 cm3 (8wöchiger Welpe) und hat mit einem Volumen von

120 cm3 (12wöchiger Welpe) bereits seine Erwachsenengröße erreicht.

``Most of the cells are arranged in a Matrix of connections during the first 16 weeks (Serpell, Coppinger und Fine 1999) Dies bedeutet, dass gerade die frühe Entwicklungsphase eines Hundewelpen eine gegenseitige Unterstützung (Synergismus) von Genen und Umwelteinflüssen darstellt. Es bedeutet nicht, dass es keine genetischen Effekte gibt, Wohl aber, dass genetische und umweltbedingte Effekte (Einflüsse) nicht separat betrachtet werden können (Sepell, Coppinger und Fine 1999).

 

Beleuchten wir die Auswirkungen der Hundeverordnung aus kynologischer Sicht, muss einem Angst und Bange werden:

Hundewelpen, die ihrer frühen Entwicklungsphase (angeleint und mit Maulkorb ausgestattet) nur unzureichenden Kontakt z Artgenossen aufbauen, können zeitlebens Verhaltensstörungen aufzeigen. Auch wenn diese Hunde, quasi ersatzweise, innerhalb organisierter Welpenspielgruppen Sozialkontakte pflegen sollten, bleiben zumindest genauso wichtige Verhaltenseinflüsse aus der Umwelt (Gesamtumfeld des Hundes) außen vor.

Ein weiterer, besonders hervorhebender Aspekt liegt in der Reaktion des Menschen auf Hundewelpen begründet. Bereits jetzt haben die Politiker über ihre unsinnigen Hundeverordnungen eine Spaltung der Gesellschaft forciert.

Hundehasser outen sich allerorten. Der Einfluss von körpersprachlich-aggressiven und provokanten Signalen etlicher Menschen auf das Verhalten von Hunden (besonders auf die Verhaltensentwicklung von Welpen) wurde offensichtlich nicht bedacht.

                                                                                                                        

Offenherzige, zumindest jedoch neutrale Sozialkontakte zwischen Menschen und Welpen sind die Voraussetzung dafür, späterhin sozialfreundlichen Hunden begegnen zu können. ``Ziel ist es, die biologische Grundlage des Verhaltens des Hundes, hier insbesondere seiner Bindung zum Menschen zu erkennen.

(Zimen 1988)

 

Basieren viele Informationen (Input), die in das hundliche Gehirn gelangen, auf einer negativen Grundeinstellung (feindselige oder ängstliche Menschen), sind die Konsequenzen auf entsprechendes Hundverhalten bald weitreichender spürbar. Panik verbreitende Eltern zerren ihre Kinder in den letzten Wochen von jedem noch so umwelt- und sozialsicheren Hund weg. Ein solcher Negativeinfluss auf Welpen oder Junghunde entbindet Hundekenner jeglicher Diskussion. Die Formung von asozialem Hundeverhalten hat bereits vielerorten begonnen

 

Hundliches Verhalten sollten wir zudem als adaptive Strategie sehen, die u.a. der Gefahrenvermeidung dient. Verglichen mit der verkümmerten Duftwelt des Menschen orientiert sich das Nasentier Hund primär geruchlich (Bloch1998).

Haben die Politiker bei der Ausarbeitung ihrer Hundeverordnung bedacht, dass verunsicherte und ängstliche Hundehalter diese geruchlichen Informationssignale an ihre angeleinten Hunde weiterleiten?

 

Zusammenfassung:

 

In diesem Papier wurden nur einige, wenige Aspekte herausgestellt, die die

Hundeverordnung NRW ad absurdum führen. Kurzsichtiger Aktionismus kann keine sachlich begründete Diskussion ersetzen.

Hundehalter bleiben weiterhin aufgefordert, sich gegen die Hundeverordnung NRW mit allen legalen Mitteln zu Wehr zu setzen. Wir brauchen keine Aggressionsförderung durch Leinen- und Maulkorbzwang, sondern die besonne Förderung sozial- und umweltsichere Hunde. Ein Restrisiko wid vom ``domestizierten Wolf´´ immer ausgehen. Wenn Politiker der Bevölkerung nach Umsetzung der Hundeverordnung quasi als Ergebnis den ``cleanen Hund´´ versprechen wollen, folgen sie damit nur einem illusionären Gedanken. Die Frage, ob sie nur realitätsfremd handeln oder das Volk bewusst aus machtpolitischen Erwägungen heraus manipulieren wollen, steht weiterhin im Raum.