Statement


Von Blendern und "Wolfsexperten"

VonGünther Bloch und Elli H. Radinger


In letzter Zeit schießen sie wie die Frühlingsblumen aus dem Boden: die zahlreichen „Wolfsexperten“, die es ins Rampenlicht drängt, um ihre Fachkenntnis kundzutun.
Es könnte uns eigentlich egal sein, wer sich mit diversen Profilneurosen in der Öffentlichkeit austobt – wenn wir nicht immer wieder darauf angesprochen würden, was denn dieser oder jener „Experte“ so alles an Unsinn von sich gegeben hat. Darum möchten wir uns an dieser Stelle ein einziges Mal zu diesem Thema äußern. An weiteren Diskussionen sind wir nicht interessiert.


Sie tummeln sich im Internet, drängeln sich in die Medien und sind immer zur Stelle, wenn sie glauben, dass sich jemand für ihre Meinung interessiert: die so genannten „Wolfsexperten“, „Wolfsflüsterer“ oder „Freilandforscher“. Sie beeindrucken mit einer langen Reihe angeblicher „Erfahrung“, die jedoch nur auf dem Papier oder dem Bildschirm steht.

Nicht jeder, der sich „Experte“ nennt, ist auch ein solcher. Lassen Sie uns Ihnen also zunächst einmal zeigen, wer kein Experte sondern ein Blender ist.

Alles nur Fassade


Ein Blender ist jemand, der stets laut und deutlich jedem, der es hören (oder auch nicht hören) will, erzählt, wie gut er sich mit Wölfen auskennt. Er tut dies auch ausgiebig auf seiner Webseite und natürlich in diversen Foren kund.

Blender schmücken sich gerne als Autoren „großer Nachschlagewerke“ oder zählen ausführlich auf ihren Webseiten auf, welche Wochenendworkshops und Vorträge sie bei ihren „Forscherkollegen“ besucht haben. Sie scheuen sich auch nicht, Texte ihrer Kollegen frisch und frei nach „Guttenberg-Sitte“ als die ihren in ihre eigenen Bücher zu übernehmen.


Andere fühlen sich nach einer einmaligen Führung durch ein Wolfsgehege und der anschließenden Gelegenheit, einen Wolf streicheln zu dürfen, bereits als „Wolfsflüsterer“ und haben sofort ungefragt sämtliche Lösungen zu allen wölfischen Problemen dieser Welt parat. Schlimmer noch die, die nach ein paar Stunden Beobachtung von Gehegewölfen für teures Geld Managern „Führung wie ein Alphawolf“ beibringen wollen.

Blender sind auch die, die selbst (überwiegend illegal) Wolfshybriden halten und züchten und nun der Auffassung sind, sie seien die wahren und einzigen Wolfsexperten.


Oder die, beispielsweise eine E-Mail an Dave Mech geschrieben haben und nun behaupten, der Forscher gehöre zu ihren „Freunden“ und schon allein die Nennung seines Namens qualifiziere sie ebenfalls als Experten.

Beliebt sind bei Blendern auch kleine Zwei-Minuten-Touristenvideos auf ihrer Webseite, die ihre „Freilandforschung vom Verhalten wilder Wölfe“ dokumentieren sollen, wobei der Blender nicht im Entferntesten in der Lage wäre, dieses verschwommen aufgenommene Verhalten der Wölfe auch nur annähernd zu erläutern.


Blender betonen gerne ihre Qualifikation als „Freilandforscher“ durch die Aufzählung ihrer Aufenthalte in Wolfsgebieten. Dabei vergessen sie aber irgendwie zu erwähnen, dass sich die Aufenthalte auf jeweils eine Woche Touristenurlaub alle zwei bis drei Jahre beschränken.

Und dann sind da noch die, die das große Glück hatten, „echte“ Experten für einen Tag zu begleiten und ihnen bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Kurze Zeit später liest man von ihren „jahrelangen einzigartigen und nie da gewesenen Forschungen“ und wundert sich.

Haben wir irgendetwas verpasst? Muss das Bild des Wolfsforschers umgeschrieben werden?

Aber was ist nun ein wirklicher "Experte", ein "echter" Freilandforscher?


Um das Verhalten von Tieren zu studieren, muss man kein Biologe sein. Jane Goodall sagte einmal: „Besser als ein Biologiestudium ist ein Geist ohne Vorurteile und ohne vorgefertigte Meinungen.“ Jeder kann mit der nötigen Geduld und Demut lernen, wilde Tiere zu beobachten. Zum „Experten“ jedoch wird man – wie in jedem Beruf – durch die in vielen Jahren gewonnene Erfahrung. Dazu reicht kein


Wochenendseminar und kein Kurzurlaub. Das ist eine Erfahrung, die durch jahrelange Beobachtung unter extremsten Witterungsverhältnissen gewonnen wird. Eine Erfahrung, die aus einer ungeheueren Demut und Achtung vor dem Tier, das man beobachtet, entspringt. Forschung hat viel mit dem Aufzeichnen von Verhalten und Verhaltensmustern zu tun, aber noch viel mehr mit dem Erfassen des Ganzen, eines komplexen Ökosystems und seiner Zusammenhänge. Echte Experten stellen nicht sich selbst, sondern ihre Arbeit und das Tier in den Vordergrund.


Der Autor Barry Lopez schrieb in seinem Buch „Arktische Träume“: „Man braucht nicht nur lange Zeit der Beobachtung, bevor man sagen kann, was ein Tier tut; man braucht eine lange Zeit, um zu lernen, wie man beobachten muss.“ Jedes Expertentum braucht Zeit, Erfahrung und ein wenig Verstand, der den meisten Möchtegern-Experten abhanden gekommen scheint. Wir schätzen besonders die vielen bescheidenen Menschen, die still ihrer Forschung und ihrer Arbeit mit Wölfen nachgehen, wie zum Beispiel unsere Kollegen in Yellowstone oder in Ellesmere Island/Kanada..


Wir sind aber auch von den Betreibern der wenigen, guten und (soweit dies möglich ist) artgerechten Wolfsgehegen in Deutschland fasziniert, die ihr echtes Fachwissen weitergeben und zwar flüsternd und in der Hocke bei den Schulkindern, die aufmerksam zuhören – statt mit dem Megafon Pseudowissen herauszuposaunen.


Wenn Sie wissen wollen, wer die Blender sind, müssen wir Sie enttäuschen. Wir werden keine Namen nennen. Aber Sie werden sie erkennen, schon allein daran, wie sie auf dieses Statement reagieren. Sie werden es sein, die am lautesten schreien und protestieren und die uns am persönlichsten und aggressivsten angreifen. Hören Sie also gut zu und schauen Sie genau hin. Die Blender werden sich selber outen.


Und NEIN, auch wir wissen nicht alles, und lernen ständig dazu. Wir beobachten Wölfe seit 20 Jahren und stellen immer wieder fest, dass sie alleine die wahren Experten sind. Ihnen schulden wir Dank dafür, dass sie uns an ihrem Leben teilhaben lassen. Und noch ein Wort zum Schluss: Wer jahrelange Feldforschung betreibt, kennt „seine“ Wölfe aus dem Eff-Eff. Dazu gehört auch, jedes Individuum einer Wolfsfamilie sowohl vom Aussehen her als auch dessen typische Verhaltenseigenschaften präzise beschreiben zu können. Wie will man sonst Auskunft geben über die Geschlechtsratio, Sozialstruktur und die traditionelle Verhaltenskultur der beobachteten Wolfsfamilie?